Pflegen, um gepflegt zu werden
19.08.2009
Wer andere Menschen pflegt, soll später Gratispflege erhalten. Mit einer Zeittauschbörse möchten der Bund und die Stadt St. Gallen dieses Prinzip demnächst testen. In Japan funktioniert es bereits.
Das Prinzip dahinter ist denkbar einfach. Rüstige Senioren helfen freiwillig bei der Betreuung pflegebedürftiger Menschen. Statt eines Lohnes erhalten sie dafür Gutscheine im Wert der geleisteten Arbeitsstunden. Diese können sie später selber einlösen – und sich damit die Betreuung «erkaufen», die sie nun selber nötig haben. Ein Tauschhandel also mit der Zeit als Währung, die durch keine Teuerung an Wert verliert, wie Befürworter loben. «Mich fasziniert dieses System», sagte Couchepin, als er vor zwei Jahren den Vorschlag lancierte.
Nun liegt im Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) dazu eine erste Studie vor, die das System zwar nicht gerade als faszinierend bezeichnet, aber doch als prüfenswert. Jedenfalls interessant genug, um die Idee weiterzuverfolgen: Zusammen mit der Stadt St. Gallen hat der Bund einen österreichischen Organisationsberater beauftragt, ein Konzept für einen Pilotversuch zu erarbeiten. Bis im Frühling 2010 soll dessen Bericht vorliegen, dann möchte man an die Umsetzung gehen.
Erreichen will man damit folgende drei Ziele: mehr Helfer für die steigende Zahl der Pflegebedürftigen anlocken, die Wertschätzung für das Engagement der Rentner steigern und etwas zur Senkung der Pflegekosten tun. «Wir hoffen, einen Beitrag zu leisten, damit das Betreuungssystem stabil und ausbaubar bleibt», sagt Gernot Jochum-Müller, der das Konzept nun erstellen wird. Durch den stärkeren Einbezug von Freiwilligen soll das Pflegepersonal entlastet werden, erklärt auch Reinhold Harringer von der Stadt St. Gallen. Die Spitex könne sich dann stärker auf die rein medizinische Pflege konzentrieren.
Diese Ziele sind allerdings ambitiös, wie die Autoren der BSV-Studie gleich selber einräumen. Eine Eindämmung der Kosten werde nur möglich sein, wenn die Menschen dank der Hilfe den Umzug ins Heim hinauszögern können. Und der erhöhte Bedarf an Pflegeleistungen lasse sich allein mit Freiwilligen nicht decken. Internationale Erfahrungen zeigten immerhin, dass diese Ziele zumindest «teilweise» zu erreichen seien.
Bevor es so weit ist, müssen die Promotoren indes noch ein ganze Reihe kniffliger Fragen lösen:
Welche Leistungen werden vergütet, ohne dass die Helfer überfordert und die Spitex übergangen werden? Am ehesten Hilfstätigkeiten wie Einkaufen, Kochen oder Spazierengehen, antwortet Reinhold Harringer.
Werden die Gutschriften ausschliesslich in Zeit ausbezahlt, oder muss auch ein Umtausch in Franken möglich sein? Wahrscheinlich Letzteres, meinen die Experten. So liessen sich in der Regel mehr Leute zum Mitmachen motivieren.
Muss man für die Leistungen Steuern bezahlen?
Wer verwaltet die Zeitgutschriften und garantiert, dass geleistete Betreuungsstunden Jahre später auch tatsächlich bezogen werden können?
All dies sei nun noch im Detail zu klären, sagt Jochum-Müller, zuversichtlich, dass dies gelingen wird. Klar ist freilich bereits eines: Ohne öffentliche Gelder wird ein solches Projekt zumindest zu Beginn nicht funktionieren. «Alle betrachteten Systeme waren bei der Gründung auf eine Anstossfinanzierung angewiesen», heisst es in der Studie. Das BSV lässt sich davon nicht abschrecken. «Wir hoffen, dass es zustande kommt», sagt die Projektverantwortliche Joana Guldimann.
Vorbilder für Pascal Couchepins Idee gibt es weltweit einige, das grösste wohl in Japan. Unter dem Namen «Fureai Kippu» – übersetzt: Pflegebeziehungs-Ticket – existiert dort ein Zeitsparmodell, das mit rund 400 Regionalgruppen und mehreren Hunderttausend Mitgliedern eine Schlüsselrolle in der Alterspflege übernimmt. Für die Hilfsdienste erhält man je nach Tätigkeit, Tageszeit und Gruppe unterschiedlich hohe Gutschriften. Eine Stunde Körperpflege ist dabei doppelt so viel wert wie eine Stunde Einkaufen oder Arbeiten im Haushalt. Einige der Gruppen funktionieren dabei streng mit Zeitgutschriften, bei anderen kann das Guthaben in Yen umgetauscht werden. Zwei Clearing-Stellen sorgen dafür, dass die Gutschriften im ganzen Land handelbar sind. So kann man mit eigenen Einsätzen auch Pflegezeit für die Eltern in einem anderen Landesteil erwerben.
Dass dies gerade in Japan so gut funktioniert, erklären sich Experten mit der Überalterung des Landes: Mehr als 20 Prozent der Einwohner sind über 65 Jahre alt (Schweiz: 16,4 Prozent). Zudem erhalten ältere Menschen in Japan generell mehr Wertschätzung. So kommt Fureai Kippu etwa ohne Garantiestellung des Staates aus: Man vertraut darauf, dass sich immer genug Helfer finden werden, bei denen man die angesparten Stunden einlösen kann. (Quelle: Der Bund, 13.07.2009)